Christoph Wulf und Jörg Zirfas: „Das Soziale als Ritual: Perspektiven des Performativen“
Textexzerpt:
C. Wulf und J. Zirfas untersuchen den performativen[1] Charakter von Ritualen anhand von z.B. Familien und Schulen. Ein Ritual setze ein sprachliches aber auch ein körperliches Handeln voraus. Aufgrund der Unterschiede, ob sozialer oder kultureller Natur, ist dies jedoch nicht bei jedem Individuum gleich, obwohl vielleicht die selben Absichten dahinter stecken[2]. Die beiden Autoren beschreiben im Folgenden einige Gesichtspunkte.
Komplexität
Die Komplexität eines Rituals oder einer Ritualisierung sei begründet in der Unterschiedlichkeit des Handelns, das sogar in sich ein Gegensatz sein kann.
Szenische Aufführung
Wulf und Zirfas sprechen hier von einer Inszenierung des Rituals. Es sei eine Art sich wiederholende Aufführung, die eine begrenzte Begebenheit ausdrückt. Dabei stelle jeder Mensch seinen Platz in der Gesellschaft dar. Es wird also das eigene Bild, aber auch das eigene Wunschbild gezeigt. Wie bei einem Schauspiel werden hier „Handlungsrahmen, Interaktionsmuster und Requisiten“ benötigt. Das wichtigste sei jedoch das Publikum, ohne das keine Aufführung und somit kein Ritual durchgeführt werden kann.
Das Ludische
Das Ludische wird hier als den gespielten Ernst im Ritual bezeichnet. Eher ein kontrollierter Ernst, der die Inszenierung in ihren Grenzen hält. Dabei spielen wieder Aspekte der Komplexität, wie die Widersprüchlichkeit[3] eine Rolle.
Dieser spielerische Ernst ist für die Aufführung des Rituals von großer Bedeutung, da sie zu verhindert versucht, die Beziehungen einer Gemeinschaft nur auf ihren grundlegenden Sinn zu begrenzen. Reflektiert man trotzdem den kausalen Sinn, kann es zu dem Gefühl der Nichtnotwendigkeit (Kontingenz) der bestehenden Gemeinschaft kommen, das, nicht nur nach Wulf und Zirfas, nicht gerade förderlich für diese ist.
Körperlichkeit
Wie bereits oben erwähnt, ist das performative Ritual auch ein körperliches Handeln. Um den gewünschten Effekt zu erhalten, müssen die verschiedenen Körper[4], die an dem Ritual beteiligt sind, in Beziehung stehen. Um jedoch ein harmonisch und somit verständliches Bild wiederzugeben, müssen sie nicht ein homogenes Bild ergeben. Viel mehr können gegensätzliche („divergente, ja oppositionelle“) Formen angenommen werden. Ob gleiches, oder gegensätzliches körperliches Handeln, beides wird vor allem durch die verschiedenen Gestiken und Mimiken des Körpers dargestellt.
Mimesis
Der von Wulf et al. beschriebene performative Charakter von Ritualen, bildet sich aus den sogenannten mimetischen Prozessen. Dabei wird meistens im Unterbewusstsein ein Verhalten oder eine Handlung kopiert und in ein Ritual eingebaut.
Macht
Die Unterschiede eines jeden Individuums in seinem Handeln sind, wie oben erwähnt, sozialer und kultureller Natur. Die verschiedenen Bedingungen, die in dem jeweiligen sozialen Milieu vorherrschen, zwängen einen in die Struktur einer Gesellschaft und somit in ein gewisses Machtverhältnis.
Regelhaftigkeit
In diesem Absatz werden einige Fragen der Ritualforschung genannt. Sie dienen der Registrierung von Regeln im rituellen Handeln. „Inwiefern ist die Regel(befolgung) an ein praktisches Wissen gebunden, das seinerseits Regelmäßigkeiten hervorbringt? Inwieweit ist die Befolgung von Regeln an eine intersubjektive Konstituierung gebunden, inwiefern ist sie eine Praxis? [...] Inwiefern werden Regeln gerade durch Regelbrüche konstituiert?“
Ikonologie des Performativen
Hier gehen Wulf und Zirfas auf eine neue Art der Ritualforschung ein, der videogestützten Beobachtung einer Gruppe oder der Videoinszenierung. Hierdurch wird eine Rekonstruktion des Rituals deutlich vereinfacht. Auch wenn diese moderne Art der Analyse immer mehr an Bedeutung gewinnt, dient sie bis jetzt eher der „Illustration“ als einer „qualitativen Auswertung“.
Makrorituale
Unter Makroritualen werden zum Beispiel Geburtstags- und Weihnachtsfeiern verstanden. Es sind immer wiederkehrende Rituale in einer Gemeinschaft. Eine große Menge ist an diesen Ritualen involviert, was eine Art Dazugehörigkeit hervorruft. Makrorituale sind Inszenierungen größeren Ausmaßes. Dies wirft neue Fragen auf, z.B. wie sich die Grenzen einer Gemeinschaftsform während eines Makrorituals in Bezug zu einem Mikroritual erweitern. Anscheinend sind symbolische Elemente im besonderen, nichtalltäglichen Ritual (Makroritual) deutlich wichtiger, als im alltäglichen Mikroritual.
[1] performativ: eine mit einer sprachlichen Äußerung beschriebene Handlung zugleich vollziehend (Duden Das Fremdwörterbuch 2007)
[2] [...] unterscheiden sich diese im Wie ihrer Durchführung
[3] so die Pflicht mit der Freiwilligkeit, die Solidarität mit der Individualität, [...] zu verknüpfen in der Lage ist
[4] [...] die konkreten körperlichen Handlungen, die Theaterähnlichkeit des Verhaltens, des Geschehens, des Arrangements der Situation und der Teilnehmerstatus
0 Antworten zu „Textexzerpt Wulf“